Wert und Geschichte

"Alles begann mit der Entscheidung zweier aufgeklärter Unternehmer, Cristoforo Crespis und seines Sohnes Silvio, am Ufer der Adda eine Idealstadt für ihre Arbeiter zu errichten : ein kleines Lebensgebiet, in dem die "Unternehmerburg" nicht nur Autorität, sondern auch eine wohltätige Haltung gegenüber den Arbeitern und ihren Familien vermitteln sollte."

Für Italien stellt Crespi d'Adda gewiß das interessanteste Beispiel des Phänomens Arbeiterstadt dar. Es ist vollständig erhalten (besonders ist der Siedlungsgrundriß und das architektonische Erscheinungsbild unverändert). Es stellt aber auch weltweit eines der komplettesten und originalsten Beispiele dar.

Crespi d'Adda war ein authentisches Modell einer Idealstadt : ein hochinteressanter, fast perfekter, autonomer Mikrokosmos, in dem das Leben der Arbeiter, ihrer Familien und des ganzen Ortes entsprechend einem Idealplan für Ordnung und Harmonie, von der Fabrik selbst bestimmt wurde. Schließlich war es eine kleine Arbeitsinsel an der Grenze zwischen agrarisch bestimmter und industrialisierter Welt.

Crespi d'Adda: ein Gleichnis oder Realität ? In jedem Fall stellt es einen Markstein industriellen und sozialen Fortschritts dar und seine Bedeutung ist niemals in Frage gestellt worden.

Die Geschichte

Die Fabrikstadt Crespi d´Adda wurde im späten 19. Jahrhundert von der Familie Crespi (Baumwollunternehmer) zur Zeit der ersten Industrialisierungsphase Italiens errichtet.

Es war die Epoche der großen, aufgeklärten Unternehmerfiguren, die Eigentümer und Philanthropen gleichzeitig waren und die sich, inspiriert von Soziallehren, bemühten, den Bedürfnissen ihrer Arbeiter Rechnung zu tragen, indem sie deren Leben innerhalb und außerhalb der Fabrik formten.

Das Prinzip bestand darin, allen Arbeitern ein eigenes Haus samt einem Gemüsegarten zu geben und für Alles zu sorgen, was für ihr Leben notwendig war: Eine Kirche, eine Schule, ein Krankenhaus, ein Gemeinschafts-Zentrum, ein Theater, öffentliche Bäder... Gegründet im Jahr 1878 an den Ufern der Adda in der Lombardei, ging dieses Experiment des Fabrikpaternalismus allerdings, wie so viele andere, auch einmal unerbittlich wieder zu Ende - am Ende der 20er Jahre mit dem Bankrott der Eigentümer und als Ergebnis der Veränderungen, die im 20. Jahrhundert stattfanden.

Heute wird Crespi hauptsächlich von den Nachkommen der ehemaligen Fabrikbeschäftigten bewohnt. Die historische Fabrik war bis Dezember 2003 in Betrieb.

Landschaft

Die Umgebung Crespi d'Addas ist einzigartig : der Ort liegt wie in einer Wiege in einem dreiecksförmigen Landstück, das im Süden von dem Zusammenfluß zweier Flüsse begrenzt ist und durch einen Geländeversprung namens "Fossato Bergamasco" im Norden.

Die beiden Flüsse sind die Adda und der Brembo. Sie formen eine Halbinsel namens "Isola Bergamasca" (der Ort liegt am äußersten Ende der Halbinsel). Der "Fossato Bergamasco" bildete früher die Grenze zwischen dem Herzogtum Mailand und der Republik Venedig.

Die geographische Isolierung wird verstärkt durch die Tatsache, dass der Ort nur von Norden aus zugänglich ist. Diese Lage und die Abgeschiedenheit lässt uns heute verstehen, warum Crespi d´Adda bewahrt geblieben ist von der chaotischen Entwicklung des Umlandes.

Städtebauliche _Anlage_

Das städtebauliche Raster des Ortes ist einmalig : Die Fabrik liegt parallel zum Fluss neben dem Wohnsitz der Besitzerfamilie Crespi.

Östlich der Fabrik reihen sich nach englischem Vorbild die Arbeiterhäuser an parallelen Strassen auf. Im Süden finden sich Gruppen aufwendig gestalteter Villen für Angestellte und leitende Mitarbeiter. Die Häuser des Arztes und des Priesters überschauen den Ort von einem Hügel herab, während Kirche und Schule Seite an Seite der Fabrik gegenüberliegen.

Existenz und Bedeutung der Fabrik werden unterstrichen durch die hochragenden Schornsteine und die sich wiederholenden Muster der Shedhallen, die sich in faszinierender Perspektive der Hauptstraße entlangziehen. Auch die Straße selbst ist ein Gleichnis des Arbeiterlebens insofern sie sich zwischen Fabrik und Dorf entlangzieht und am Friedhof ihr Ende findet.

Die Architektur

In Crespi d' Adda finden sich vielfältige Baustile zwischen Klassizismus und Historizismus.

Das "Kastell" stellt die Imitation mittelalterlicher Stile dar, während die Kirche eine exakte Kopie der Renaissance-Kirche S. Maria in Busto Arsizio darstellt, woher die Crespi-Familie stammte. Alle anderen Bauten sind in Neomittelalter-Stil gehalten mit aufwendigen Backsteinornamenten, die typisch für die lombardische Gotik waren und zeigen schmiedeeiserne Schmuckelemente. Die Fabrik selbst ist neogotisch. Ihr Haupteingang bildet den architektonischen Höhepunkt mit den flankierenden Direktionsgebäuden.

Der Friedhof, eine exotisch-eklektizistische Anlage und ein nationales Monument, gipfelt im Crespi-Mausoleum - einer ausgeschmückten Turm-Pyramide aus Ceppo-Stein und Beton, die die Arbeitergräber hoch überragt, deren einfache Kreuze sich in langen Reihen über die Rasenfläche erstrecken.

Die handelnden Personen

CRISTOFORO BENIGNO CRESPI:
Geboren 1833. Erster Sohn Antonio Crespis. Abkömmling einer Textilindustriellenfamilie, genannt "Tengitt" aus Busto Arsizio. Half zunächst dem Vater beim Handel mit gefärbten Stoffen, gründete dann mit seiner Familie die Baumwollfabriken in Vaprio, Vigevano und Ghemme. Gründete 1878 die Fabrik in Crespi d'Adda, führte die modernsten Spinn-, Web- und Ausrüstungstechniken ein.

Zog 1884 in sein Haus auf der Borgonuovo-Straße in Mailand, das als Verwaltungssitz diente. Unterhielt eine große, vielbewunderte Kunstsammlung.

_rrichtete_ 1904 die hydro-elektrische Kraftzentrale Trezzo an der Adda. Vielfach ausgezeichnet, u.a. als "Cavaliere del Lavoro" und "Commendatore della Corona d'Italia". Starb 1920 in Mailand.


SILVIO BENIGNO CRESPI:
Als Sohn von Cristoforo 1868 in Mailand geboren. Jura-Examen mit einundzwanzig. Mehrjähriger Aufenthalt in England um die Baumwollherstellung zu studieren. Begann 1889 in der väterlichen Fabrik, wo er Direktor wurde.

Unermüdlich und ausdauernd von Charakter, war er auf dem industriellen, politischen und finanziellen Sektor vielfältig tätig. Verfaßte und veröffentlichte eine Studie zur Unfallverhütung in der Fabrik. War der erste Präsident des Baumwollhersteller-Verbandes und Mitglied des "Consiglio Superiore dell' Industria e del Commercio". Präsident der Banca Commerciale und des italienischen Automobil-Clubs.

Präsident der Banca Commerciale und des italienischen Automobil-Clubs. Abgeordneter und Senator der Katholischen Liberalen. Förderte im Parlament Industrie und Gewerbe mit besonderem Augenmerk auf die Arbeitsbedingungen. Am Ende des Ersten Weltkriegs zum Minister mit umfassenden Vollmachten ernannt. Starb 1944 in Cadorago.

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